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«Natürlichkeit bedeutet nicht, nicht operiert zu werden. Es bedeutet, gut behandelt zu werden»

Oct 1
6 min read

Dr. Kelly über Schönheitschirurgie, Botox mit 25, Social Media und warum wir wieder lernen müssen, normal auszusehen

Wann wird Schönheitschirurgie zur Selbstfürsorge und wann zum Versuch, einem Ideal hinterherzulaufen, das gar nicht existiert? Dr. Kelly kennt beide Seiten. Im Gespräch mit reach spricht die Schönheitschirurgin und Unternehmerin über Botox mit 25, Instagram-Gesichter, Body Dysmorphia, Healthy Aging und eine Beauty-Branche, die manchmal dringend lernen müsste,

Nein zu sagen.


Es gibt einen Satz, den man von einer Schönheitschirurgin vielleicht nicht unbedingt erwartet:

„Wenn du Perfektion suchst, bin ich nicht die richtige Adresse.“

Dr. Kelly sagt ihn ohne zu zögern. Dabei beschäftigt sie sich jeden Tag mit Gesichtern und Körpern.

Mit Menschen, die etwas verändern möchten. Mit Erwartungen, Unsicherheiten und manchmal auch mit Bildern aus Social Media, die mit der Realität nicht mehr besonders viel zu tun haben.


Ihre eigene Karriere begann allerdings weit weg von Instagram, Fillern und Beauty-Trends.

Als Chirurgin arbeitete sie zunächst mit Brustkrebspatientinnen. Nach den Operationen erlebte sie Frauen, die medizinisch behandelt waren und trotzdem das Gefühl hatten, einen Teil ihrer Weiblichkeit oder ihres Selbstbewusstseins verloren zu haben.

Dort begann sich ihr Blick auf plastische und später ästhetische Chirurgie zu verändern.

Für sie ging es plötzlich nicht mehr nur darum, wie ein Körper aussieht, sondern darum, ob das Bild im Spiegel noch zu dem Menschen passt, der davorsteht.

Wir haben mit Dr. Kelly gesprochen, wie viel Schönheit mit Selbstbewusstsein zu tun hat, warum sie Patientinnen und Patienten auch ablehnt und weshalb sie vom perfekten Instagram-Gesicht ziemlich genug hat.


Wann ist ein Schönheitseingriff wirklich sinnvoll?

REACH: Menschen kommen zu dir, weil sie etwas an sich verändern möchten. Wie erkennst du, ob dieser Wunsch wirklich von ihnen selbst kommt?

Dr. Kelly: Das ist eine der wichtigsten Aufgaben in der Beratung. Man muss sich Zeit nehmen und wirklich zuhören. Kommt dieser Wunsch von der Person selbst? Oder steckt gerade eine Trennung dahinter? Social Media? Ein gefiltertes Bild und die Vorstellung, danach genauso aussehen zu können?

Eine Schönheitsoperation kann dich nicht plötzlich glücklich machen. Sie kann keine Beziehung retten und Selbstvertrauen nicht aus dem Nichts aufbauen. Wenn ich merke, dass die Motivation nicht stimmt, muss ich das sagen.

REACH: Du sagst Patientinnen und Patienten also auch Nein?

Dr. Kelly: Absolut. Das habe ich von Anfang an gemacht. Natürlich ist eine Klinik auch ein Unternehmen. Aber die Beziehung zu unseren Patientinnen und Patienten basiert auf Vertrauen.

Sie kommen nicht zu uns, weil sie krank sind. Sie kommen mit einem Wunsch. Und nur weil dieser Wunsch da ist, bedeutet das nicht automatisch, dass ich ihn erfüllen muss.

Ich verliere lieber Umsatz als Vertrauen.


Wie beeinflusst Social Media unser Schönheitsideal?

REACH: Hat Social Media verändert, wie Menschen ihr eigenes Gesicht wahrnehmen?

Dr. Kelly: Definitiv. Schönheitsideale gab es schon immer. Früher kamen Menschen mit Bildern von Celebrities. Heute sind vor allem junge Menschen permanent mit idealisierten, gefilterten oder inzwischen sogar generierten Gesichtern konfrontiert.

Das Problem ist, dass man irgendwann den Unterschied nicht mehr erkennt.

Wenn du ständig perfekte Bilder siehst, kann sich deine Wahrnehmung verändern. Irgendwann schaust du ein völlig normales Gesicht an und denkst, es sei nicht schön genug. Das wird gefährlich.

REACH: Was kann die Beauty-Branche dagegen tun?

Dr. Kelly: Aufklären. Gerade wir Ärztinnen und Ärzte tragen hier Verantwortung. Wir dürfen keine unrealistischen Versprechen machen, nur weil wir etwas verkaufen möchten.

Natürlich müssen auch wir wirtschaftlich arbeiten. Aber man muss seine Werte und seine Moral behalten.


Ist Botox mit 25 sinnvoll oder einfach gutes Marketing?

REACH: Botox mit 25 wird häufig als Prävention verkauft. Ist das medizinisch sinnvoll oder einfach sehr gutes Marketing?

Dr. Kelly: Das Alter allein ist für mich keine Indikation.

Es kann eine 25-jährige Person geben, die beispielsweise bereits eine sehr ausgeprägte Zornesfalte hat und davon tatsächlich profitiert. Aber wenn die Botschaft lautet: „Mit 20 musst du unbedingt mit Baby-Botox anfangen“, dann ist das für mich Marketing.

Prävention bedeutet nicht, möglichst früh möglichst viel machen zu lassen. Prävention bedeutet, zum richtigen Zeitpunkt möglichst wenig zu machen.


Warum sehen auf Social Media plötzlich alle gleich aus?

Bei einer Frage braucht Dr. Kelly ungefähr eine halbe Sekunde für ihre Antwort.

REACH: Gibt es Beauty-Trends, von denen du hoffst, dass sie bald verschwinden?

Dr. Kelly: Oh ja. Ich hasse Trends sowieso.

Dieses ganze Instagram-Face. Gleiche Wangen, gleiche Kieferlinie, gleiche Nase, gleiche Lippen. Irgendwann gibt es keine Individualität mehr.

Bitte akzeptiert auch die Punkte in eurem Gesicht, die vielleicht nicht perfekt sind. Sie können genau das sein, was euch schön macht.

Und überhaupt: Was ist Perfektion? Unsere Anatomie ist individuell. Die Natur mag Imperfektion.


Woran erkennt man Body Dysmorphia?

REACH: Wann merkst du, dass hinter einem Veränderungswunsch möglicherweise mehr steckt?

Dr. Kelly: Wenn der Wunsch nicht mehr mit dem übereinstimmt, was objektiv zu sehen ist.

Menschen suchen dann beispielsweise nach absoluter Symmetrie oder beschäftigen sich intensiv mit einem vermeintlichen Makel, der objektiv kaum oder gar nicht vorhanden ist. Es kommen Aussagen wie: „Es muss perfekt sein.“

Das muss man als Ärztin erkennen. Diese Menschen brauchen unter Umständen psychologische Unterstützung und nicht den nächsten Schönheitseingriff.


Kann Schönheitschirurgie trotzdem das Selbstbewusstsein verändern?

REACH: Auf der anderen Seite sagst du, ein Eingriff könne für einen Menschen durchaus lebensverändernd sein.

Dr. Kelly: Ja. Nur weil eine Schönheitsoperation nicht lebensnotwendig ist, bedeutet das nicht, dass sie nicht lebensverändernd sein kann.

Manchmal ist es etwas Kleines, das einen Menschen seit Jahren belastet. Wenn die Motivation stimmt und wir realistisch etwas verändern können, sehe ich bei der Nachkontrolle teilweise einen ganz anderen Menschen. Sie lächeln anders, sie strahlen anders.

Das sollte man nicht einfach als Oberflächlichkeit abtun.


Was bedeutet Selbstbewusstsein eigentlich?

REACH: Wir sagen ständig, Menschen sollten selbstbewusster sein. Aber was bedeutet das für dich?

Dr. Kelly: Seine Stärken und seine Schwächen zu kennen und beides zu akzeptieren.

Wenn du ständig versuchst, nur Stärken zu haben oder perfekt auszusehen, landest du in einem Kampf, den du nicht gewinnen kannst.

Selbstbewusstsein entsteht für mich dann, wenn du sagen kannst: Das sind meine Stärken, das sind meine Schwächen und beides gehört zu mir.

Schönheit kann vielleicht eine Tür öffnen. Aber Selbstbewusstsein entscheidet, ob du im Raum bleibst.


Ist ein Facelift natürlicher als Filler?

Hier wird das Gespräch besonders interessant. Denn während Social Media „natürlich“ häufig mit „nicht operativ“ gleichsetzt, sieht Dr. Kelly das anders.

REACH: Gibt es einen Schönheitseingriff, über den deiner Meinung nach zu wenig gesprochen wird?

Dr. Kelly: Das Facelift.

Viele hören Operation und denken automatisch, das Ergebnis könne nicht natürlich sein. Das stimmt nicht. Ein gut gemachtes Facelift kann eines der natürlichsten Ergebnisse liefern.

Nichtoperative Behandlungen haben absolut ihre Berechtigung. Aber wenn jemand beispielsweise deutlich erschlaffte Haut hat, ist es nicht unbedingt sinnvoll, immer wieder Volumen hinzuzufügen.

Natürlichkeit bedeutet nicht, nicht operiert zu werden. Es bedeutet, gut behandelt zu werden.


Healthy Aging statt Anti-Aging: Was ist der Unterschied?

REACH: Anti-Aging war jahrelang das grosse Beauty-Versprechen. Ist der Begriff überhaupt noch zeitgemäss?

Dr. Kelly: Für uns nicht.

Anti-Aging suggeriert, dass wir jemanden wieder jung machen oder die Zeit zurückdrehen können. Das können wir nicht. Für mich war das immer ein Marketingbegriff.

Wir sprechen lieber von Healthy Aging. Die Menschen kommen heute auch kaum noch und sagen: „Ich möchte jünger aussehen.“ Sie möchten frisch und gepflegt aussehen und trotzdem ihr Alter und ihre Identität behalten.

Darum geht es.


Ist der Longevity-Hype wissenschaftlich belegt?

REACH: Longevity ist gerade überall. Gibt es Dinge, bei denen selbst du skeptisch wirst?

Dr. Kelly: Absolut. Der Begriff wird momentan extrem gehypt.

Es gibt Behandlungen, die sinnvoll sein können. Aber wir haben bei unserem eigenen Konzept beispielsweise Jahre gebraucht, um wissenschaftlich fundierte Rezepturen zu entwickeln.

Plötzlich ist jede zweite Klinik Longevity-Expertin. Da muss man skeptisch bleiben.

Longevity beginnt nicht mit irgendeiner Behandlung. Es beginnt bei den Basics: Ernährung, Bewegung, Alkohol, Rauchen, Lebensstil. Du kannst nicht ungesund leben, danach irgendeinen Detox machen und denken, jetzt sei alles wieder gut.

Als Mediziner haben wir die Verantwortung, Dinge anzubieten, hinter denen wissenschaftliche Evidenz steht.


Warum hat Dr. Kelly ihre eigene Klinik gegründet?

Hinter all diesen Antworten steckt auch eine Unternehmerin, die irgendwann einen sicheren Job im Spital gegen ziemlich viel Ungewissheit eingetauscht hat.

REACH: Warum bist du damals überhaupt in die Selbstständigkeit gegangen?

Dr. Kelly: Wegen der Freiheit.

Ich wollte Medizin so ausüben können, wie ich sie für richtig halte und nach meinen eigenen Werten arbeiten.

Einfach war das nicht. Als Frau in der Chirurgie musste ich mehr beweisen. Und als Ausländerin in der Schweiz habe ich bei null angefangen. Als wir nach Zug kamen, kannte mich niemand.

Aber ich wollte daraus nie eine Geschichte machen. Ich wollte durch meine Arbeit überzeugen.

REACH: Was würdest du jemandem sagen, der heute vor diesem Schritt steht?

Dr. Kelly: Dem Bauchgefühl vertrauen.

Es gibt fast immer Lösungen. Du kannst klein anfangen. Du brauchst nicht sofort viel Geld oder riesiges Marketing.

Unsere Klinik ist vor allem durch zufriedene Patientinnen und Patienten und Mundpropaganda gewachsen. Ich hatte eine Vision und bin ihr konsequent gefolgt.

Und ja, dafür braucht es Mut.


Was bedeutet Schönheit für eine Schönheitschirurgin?

Zum Schluss kommen wir noch einmal zurück zu der Frage, die eigentlich über dem gesamten Gespräch schwebt.

REACH: Hat sich dein eigener Blick auf Schönheit verändert?

Dr. Kelly: Sehr.

Früher wollte ich vielleicht perfekt aussehen. Das interessiert mich heute nicht mehr. Ich mag sogar meine Imperfektionen.

Ich möchte gepflegt und frisch aussehen. Aber normal.

Wenn jemand behauptet, Perfektion liefern zu können, werde ich neugierig. Perfektion ist für mich kein realistisches medizinisches Versprechen. Mein Anspruch ist vielmehr, für jeden Menschen individuell das bestmögliche Ergebnis zu erreichen.

Denn vielleicht ist genau das die Ironie unserer aktuellen Beauty-Ära: Wir haben mehr Möglichkeiten denn je, unser Aussehen zu verändern. Die eigentliche Kunst besteht aber darin, rechtzeitig zu wissen, wann es genug ist.

Und vielleicht ist das schönste Ergebnis am Ende nicht das perfekte Gesicht. Sondern eines, in dem man sich selbst noch erkennt.


Hier gehts zum ganzen Interview:


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