Khan TENGRI: Eine Geschichte über Mut, Vertrauen und die Entscheidung umzukehren
Zwei erfahrene Bergsteigerinnen, einer der eindrücklichsten Berge Zentralasiens und eine Expedition, die anders endet als geplant. Der Kurzfilm „KHAN TENGRI“ begleitet Sandra Christen und Gentiana Zyba auf einer Reise, bei der es nicht nur darum geht, wie weit man gehen kann, sondern auch darum, den richtigen Moment zum Umkehren zu erkennen.

Picture by Diana Kottmann
Ich sass im Casineum Luzern in meinem Stuhl und habe mich festgeklammert.
Bei manchen Aufnahmen dachte ich nur: Nein. Niemals. No way.
Schnee. Eis. Wind. Abgründe. Ein Zelt an einem Ort, an dem ich persönlich nicht einmal fünf Minuten freiwillig stehen würde. Und während ich innerlich schon beschlossen hatte, dass Bergsteigen definitiv nichts für mich ist, kam irgendwann ein anderer Gedanke: Okay. Wenn Sandra mich fragen würde, würde ich wahrscheinlich doch mitkommen.
Keine Ahnung, was genau da passiert ist. Aber vielleicht sagt das ziemlich viel über diesen Film.
Der Gipfel war zum Greifen nah
Sandra Christen und Gentiana Zyba reisen im Sommer 2025 nach Kirgistan, um den Khan Tengri zu besteigen. Der Berg liegt im Tien-Shan-Gebirge an der Grenze zwischen Kirgistan, Kasachstan und China. Er ist abgelegen, das Wetter kann sich schnell verändern und auf der Nordroute sind die Teams weitgehend auf sich selbst gestellt. Sandra und Gentiana sind keine Fremden in dieser Welt.
Sie sind seit Jahren gemeinsam in den Bergen unterwegs und haben unter anderem Expeditionen am Ama Dablam und Alpamayo erlebt. Aber Khan Tengri wird anders.
Im dritten Höhenlager auf rund 5'900 Metern beginnt es zu schneien. Wind peitscht über den Grat, die Sicht wird schlechter. In der Nacht sind sie bereits angezogen, haben Schnee für Wasser geschmolzen und warten auf das Fenster für den Gipfelversuch.
Der Gipfel ist nah.
Sehr nah.
Und sie drehen um.
„Das Schwierigste war nicht der Aufstieg, sondern das Umdrehen.“
Vielleicht sieht Mut manchmal genau so aus
Das war der Moment, der bei mir hängen geblieben ist.
Wir sprechen ständig davon, durchzuhalten. Nicht aufzugeben. An seine Grenzen zu gehen. Noch einen Schritt. Noch ein bisschen weiter.
Aber was, wenn genau das irgendwann die einfachere Entscheidung ist?
Sandra beschreibt es ziemlich treffend: Weiterzugehen bedeutet, der Spur nach oben zu folgen. Umzukehren bedeutet dagegen, bewusst etwas loszulassen, auf das man lange hingearbeitet hat.
Und plötzlich geht es in diesem Film gar nicht mehr nur ums Bergsteigen.
Es geht darum, die eigene Grenze zu erkennen.
Um Verantwortung für sich selbst und füreinander.
Und darum, dass ein Ziel nicht automatisch wichtiger wird, nur weil man fast dort ist.
„Die wichtigste Entscheidung einer Tour ist oft die, die niemand feiern will.“
Ich glaube, genau dieser Satz beschreibt den Film für mich am besten.
16 Minuten, die erstaunlich lange bleiben
Der Kurzfilm dauert gerade einmal 16 Minuten. Danach sprachen Sandra und Gentiana im Live-Talk mit Gülsha Adilji über die Expedition, Zweifel, Teamgeist und darüber, was passiert, wenn eben nicht alles nach Plan läuft. Und ich fand beide unglaublich inspirierend. Nicht, weil sie sich an Orte wagen, bei denen mir schon beim Zuschauen die Hände feucht werden. Sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sie über Angst, Verantwortung und Umkehren sprechen. Da sitzen zwei Frauen, die offensichtlich wahnsinnig viel Mut haben. Und trotzdem besteht ihre Geschichte nicht daraus, dass sie jede Grenze überwinden. Sondern daraus, dass sie eine respektiert haben.
Und dann schlafen sie einfach 100 Meter über dem Boden
Falls man nach Khan Tengri denken könnte, Sandra und Gentiana hätten danach vielleicht genug Abenteuer gehabt: Nope.
Ein Jahr später hängen die beiden am Sustenpass ein Portaledge in eine Felswand und verbringen die Nacht rund 100 Meter über dem Boden. Mit Schlafsack. Vollmond. Und einem Abgrund direkt unter sich.
Beim Lesen dieser Geschichte war mein erster Gedanke übrigens wieder derselbe:
Nein. Niemals. No way.
Und mein zweiter?
Sandra, frag mich lieber nicht.
Ich fürchte, ich würde Ja sagen.




